Die Familie Tomé

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Der Grund, warum die Casa Tomé auch im 20. Jahrhundert fast in ihrem Ursprungszustand erhalten geblieben ist, liegt in der besonderen Geschichte der Familie Tomé. Diese dreht sich rund um die Person von Domenico, der während 46 Jahren als Gemeindeaufseher (fant) in Poschiavo amtete. 1859 geboren, wird er im Alter von 50 Jahren Witwer. Kinder hat er keine. Im Jahr 1911 heiratet er Silvia Tosio (1879-1969) und wird Vater von vier Mädchen: Marina (1911-1999), Ida (1913-1958), Rosina (1915-1963) und Luisa (1917-2009). 

Der alte fant bleibt als herzlicher und intelligenter Mann, als guter Vater und harter Arbeiter in Erinnerung, der nebst seiner Tätigkeit als Polizist auch einige Tiere hält und ein wenig Land bearbeitet.

Die Sorgen und die schwierigen Lebensumstände lassen die Mutter eine verschlossene, scheue und harte Frau werden. Mit den Töchtern ist sie streng; sie lehrt sie gute Manieren und die Furcht vor Gott. Sie schärft ihnen ein, dass Kinder ihren Eltern stets helfen und beistehen sollen. Die Mädchen wachsen in der Überzeugung auf, dass es ihre Lebensaufgabe ist, das Haus in Ordnung zu halten und sich umeinander zu kümmern. Und dies ist, was sie ihr Leben lang tun werden.

Bis ins Jahr 1933 lebt die Familie in der Casa Torre, dem Sitz der Gemeindeämter und des Gefängnisses, wo Domenico Wärter ist. Es stehen ihnen nur zwei düstere und kalte Räume zur Verfügung. Ein unheilvolles, von Männern geprägtes und gewaltsames Umfeld, in dem sie voller Angst vor den Gefängnisinsassen leben, die oft lärmen und ihnen drohen. Der Umzug in die Casa Tomé, die bereits in ihrem Besitz ist, erleben sie wie eine Befreiung. Das Haus erscheint ihnen wie ein Palast, gross und hell, auch wenn es nur ein altes und bescheidenes Bauernhaus ohne Komfort ist.

Die Mädchen wollen mit Männern nichts mehr zu tun haben und binden sich in fast krankhafter Weise an ihr neues Haus. Sie schliessen sich darin ein und machen es zu ihrem Lebensmittelpunkt. Die Casa Tomé ist eine sichere Zuflucht vor der Aussenwelt, die ihnen bedrohlich erscheint. Sie verteidigen sie und erhalten sie so, wie sie sie vorgefunden haben – auch zu Ehren des Vaters, der wenige Jahre später stirbt. Sie sind sich des Zustands, in dem sich das Haus befindet, bewusst, aber ihnen ist es recht so. Sie begnügen sich damit und leben in Würde darin.